|
| Schlüter, H.U., Lindert, W.,
Schellenberg, H.-G. & Schacht, G. (1996):
Geschichte geowissenschaftlicher Sammlungen
in Berlin im Hinblick auf naturwissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen
zwischen 1860 und 1914 In dem von der DFG geförderten Projekt wurde erstmals der Versuch unternommen, komplexe historische Bezüge zwischen geologischer Sammlungstätigkeit und den zeitgleichen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Entwicklungen nachzuweisen. Ausgewählt wurden die noch erhaltenen alten Probenbestände der Königlich Preußischen Geologischen Landesanstalt in Berlin und die Entwicklung Preußens in der Zeit zwischen 1860 und 1914. Der Bericht dokumentiert u.a. folgende Arbeiten:
Ergebnisse Die Menge der eingegangenen Proben pro Jahr schwankt stark mit mehreren Maxima und Minima. Obwohl die absoluten Stückzahlen für die verschiedenen Sammlungsteile große Unterschiede aufweisen, verläuft die Bestandsentwicklung aller Bereiche fast gleich. Die Kriege von 1864, 1866, 1870/71 und 1914 sind als Minima in der Probenmenge klar erkennbar. Korrelationsversuche zwischen Probenbeständen und Kartierungstätigkeit anhand der Erscheinungsjahre geologischer Karten ergaben, daß jeweils 80 % der Belegproben der Petrographie und Stratigraphie sowie 43 % der Proben des Sammlungsteils "Lagerstätten-Rohstoffe-Mineralogie" aus der geologischen Landesaufnahme stammen. Daneben gibt es Hinweise auf Zusammenhänge zwischen wissenschaftlichen Hypothesen und der Probenaquisition, wie z. der Idee der Inlandvereisung mit dem starken Probenanstieg für die Geschiebesammlung nach 1875. Bemerkenswert ist die gegenläufige Entwicklung zwischen den Probenmengen fast aller Sammlungsteile und dem Verlauf der deutschen Aktienkurse; das heißt während der wirtschaftlichen Rezessionsphasen von 1875 - 79, 1885 - 87, 1891 - 94, 1900 - 03 und 1906 - 08 sind in den Probenstatistiken meistens hohe Zugänge zu verzeichnen. Die Rohstoffstatistiken korrelieren sehr gut mit den Belegschaftszahlen im Bergbau. Der Produktivitätszuwachs pro Kopf der Beschäftigten durch mechanisierte Abbau- und Förderverfahren zeigt sich durch sinkende Personalbestände bei steigender Förderleistung etwa ab 1885. Viel stärker als die Einführung neuer Technologien hat sich die gesamtstaatliche Wirtschaftsentwicklung in Deutschland auf die Förderraten der heimischen Rohstoffe ausgewirkt. Zwischen Rohstoffproduktion und Wirtschaftsleistung sind z. T. direkte Korrelationen möglich, wie der Anstieg der Steinkohlen- und Eisenerzproduktion mit dem Zuwachs der Eisenbahnkilometer 1863/64 und nach der Verstaatlichung der Privatbahnen 1879 zeigt. Politische Entscheidungen sind in einigen Fällen sowohl in den Sammlungsbeständen als auch in der Rohstoffförderung erkennbar: Der offizielle Erwerb der deutschen Kolonien in Afrika 1884/85 ist in den Sammlungen durch die ältesten Aufsammlungen von 1884 aus Deutsch Südwestafrika (Namibia) dokumentiert. Die Annexion neuer Länder durch Preußen 1866 erbrachte erhebliche Fördersteigerungen bei Mangan- und Eisenerzen durch die Bergbaureviere von Hessen-Nassau. Die Ergebnisse des Projekts beweisen, daß geologische Sammlungsarchive durch komplexe Auswerteverfahren wertvolle Informationen über wissenschaftshistorische, wirtschaftliche und politische Ereignisse liefern können.
Bearbeitungsstand: 19.10.2005 |